Wer den ersten Auftritt des neuen Seidel-Sternmotors auf der Messe in Sinsheim sah und hörte, war hellauf begeistert. Nur ohne den ursprünglich montierten Nachschalldämpfer war das Triebwerk in der Ausstellungshalle nach dem problemlosen Anwerfen durch sein Gesäusel überhaupt hörbar.
Als sich eine Menschentraube um den Seidelstand versammelt hatte, sah man in verklärte Gesichter. Der mit einer Schwungscheibe versehene Motor zeigt bei einer Leerlaufdrehzahl von etwa 600 Umdrehungen pro Minute seine ganze Laufkultur in diesem untersten Drehzahlbereich. Kurze Gasstöße – mehr war während der Messetage leider nicht möglich – ließen aber auch erahnen, zu welcher Leistung dieser Kraftprotz fähig sein würde.

Die Zündung ist direkt am Motor angeflanscht
Aus Deutschland
Wolfgang Seidel kam während seiner Wehrdienstzeit zum ersten Mal mit Sternmotoren in Berührung, eingebaut im Hubschrauber Sikorski S-58. Seitdem hat ihn diese Triebwerksbauweise nie wieder losgelassen. Und nun ist sein vorläufiges Highlight „Made in Germany“ fertig: Der ST 7-250 B setzt die Seidel-Baureihe von Sternmotoren konsequent fort. Es ist ein Siebenzylinder-Sternmotor mit 250 Kubikzentimeter Hubraum und Benzinbetrieb.
Direkter Vorläufer ist der ST 7-726 mit 180 Kubik, der aber noch für den inzwischen außer Mode kommenden Methanol-Betrieb entwickelt worden war. Durch eine Optimierung des Pleueltriebs und einer Anhebung des Hubs in Verbindung mit einer leichten Erweiterung der Zylinderbohrung ist nun ein Motor mit 250 Kubikzentimeter Hubraum entstanden, den man mit Fug und Recht als echten Langhuber bezeichnen kann – so wie alle originalen Sternmotoren.
Ein direkter Vergleich zum ST 7-726 ergab nun, dass eine 32 x 12-Zoll-Latte um etwa 900 Umdrehungen pro Minute schneller war. Also ein beachtlicher Leistungsgewinn. Die Grundelemente des Motors bestehen aus hochfesten Aluminium-Legierungen. Die Zylinderbohrung hat eine zusätzliche Nicasil-Beschichtung, um das Laufverhalten und die Schmierung des Kolbens zu verbessern. Der Kolben ist mit einem Kolbenring und einer zusätzlichen Öl-Nut versehen. Der Zylinderkopf ist in bewährter Art im Sandfeinguss erstellt.

Der Pleuelstern und die sechs Pleuel sind bereits vormontiert. Das Nadellager stellt die Verbindung zur Kurbelwelle her
Technisches
Ein- und Auslassventile laufen auf einer zweibahnigen Nockentrommel. Da diese Bahnen durch den Lauf der zweimal sieben Zylinderstangen extrem beansprucht werden, wurde hier als Material Stahl gewählt. Durch nachträgliches Einsatz-Härten wird hier eine hervorragende Standfestigkeit erzielt. Da alle Kraft der Kolben über den Pleuelstern auf die Kurbelwelle übertragen werden muss, aber kein Platz verschenkt werden sollte, tut hier ein Nadellager seinen Dienst. Die restlichen belasteten Lagerstellen sind mit Kugellagern versehen. Das Planetengetriebe, das die Nockentrommel mit der Kurbelwelle im Verhältnis 1:6 miteinander verbindet, läuft in einer geschlossenen Dauerfettung.

Am Gewinde-Ende der Kurbelwelle ist der Einstich für den Sicherungsring zu sehen
Für die Gemischversorgung kommt der seit Jahren bewährten Walbro-Vergaser zum Einsatz. Zur Sicherung der zentralen Befestigungsmutter der Luftschraube hat sich Wolfgang Seidel ein Schmankerl einfallen lassen. Ein Einstich am vorderen Ende des Kurbelwellen-Gewindes wird nach dem Aufdrehen der Mutter mit einem Sicherungsring versehen. Ein Abflug der Mutter bei einem versehentlichen Lösen wird damit sicher vermieden. Am anderen Ende des Triebwerks befindet sich ein Befestigungsring, über den eine Vierpunkt-Montage zum Motorspant des Models hergestellt werden kann.
Auch für die notwendige Zündanlage wollte Wolfgang Seidel keine Kompromisse in puncto Qualität eingehen. Ein Zulieferer, der bereits
25 Jahre Erfahrung mit Zündanlagen hat, sollte genau der Richtige sein. So begann die Zusammenarbeit mit der Firma Becker. Nach einigen Vorgesprächen war man sich einig, dass für diesen Motor nur eine genau angepasste Zündanlage in Frage kam, also nichts „von der Stange“.

Die Zündung besteht aus sieben Zündeinheiten, die kreisförmig auf der Platine angeordnet sind
Spannend
Beginnen wir mit der Spannungsversorgung. Sinnvollerweise verwendet man einen separaten Akku. Im vorliegenden Fall sind dies ein 2s-LiPo-Akku oder alternativ sechs NiMH-Zellen. Der Strombedarf der Zündung rechnet sich nach der Formel: Betriebsstrom gleich 30 Milliampere Grundstrom plus 70 Milliampere je 1.000 Umdrehungen pro Minute. Das bedeutet, wer dauernd mit Vollgas fliegt, benötigt auch mehr Strom.
Ein kleines Rechenbeispiel soll dies zeigen: Bei 5.000 Umdrehungen pro Minute benötigt die Zündung danach 30 Milliampere plus fünfmal 70 Milliampere, das ergibt 380 Milliampere pro Stunde Flugzeit. Bei der halben Drehzahl sind es 30 Milliampere plus zweieinhalbmal 70 Milliampere gleich 205 Milliampere pro Stunde. Mit einem 2s-Akku mit 1.500 Milliamperestunden Kapazität sind also immer drei Stunden Turnen am Himmel mit viel Reserve möglich.
Die Rückseite der Zündungsplatine zeigt in der Mitte den aufgesteckten Controller
Trafo-Prinzip
Mit 7,4 Volt sind nun aber Zündkerzen nicht zum Arbeiten zu bewegen. Es sind 16.000 Volt, die hier eine zuverlässige Arbeit garantieren. An dieser Stelle hat Becker nicht gespart. Um einen maximalen Wirkungsgrad zu erreichen, wird die Akkuspannung mit einem elektronischen Aufwärtswandler zuerst auf etwa 220 Volt erhöht. Dies ist dann die Arbeitsspannung der Zündspule, die nach dem Trafo-Prinzip daraus die notwendigen 16.000 Volt an der Kerze entstehen lässt. Der Wandler arbeitet nahezu sinusförmig, wodurch kaum Störpegel entstehen. Für diesen Umstand wird jede Empfangsanlage dankbar sein.
Einen besonderen Anteil an der Zuverlässigkeit und Langlebigkeit der Anlage haben die spezielle Wickeltechnik und der darauf folgende Verguss der Zündspule, der in einem Vakuumverfahren entsteht. Immerhin liegt hier der Ursprung der 16.000 Volt für die Zündspannung. Diese Becker-Zündanlage – bei Seidel „StarSpark“ genannt – ist in der Lage, die volle Zündenergie bis zu 20.000 Mal pro Minute zur Verfügung zu stellen, also bei einem Siebenzylinder-Motor bis zu einer Drehzahl von 5.700 Umdrehungen pro Minute. Es bleibt also noch einiges an Reserve.

Der Zylinderkopf aus Aluminium wird im Sandfeingussverfahren hergestellt
Zündung
Der Motor arbeitet mit Zündkerzen der verbreiteten Bauart M10 x 1 mit der Schlüsselweite 14. Die Zündanlage ist ausgelegt auf eine Funkenstrecke von etwa 0,4 Millimeter. Aus der Zündung kommen sieben Zündkabel heraus, die mit einem Durchmesser von nur 4 Millimeter bestechen. Damit passen sie elegant zu den Abmessungen des Motors. Die Verbindung zu den Kerzen stellt ein Stecker her, der kaum höher baut als die Kerze selbst. Er besteht aus einem temperaturfesten Isolierkörper und einem gepressten und verlöteten Messinggehäuse. Ein Sicherungsring über dem vorderen Ende des Steckers sorgt für einen festen Sitz auf der Kerze. Durch den eingebauten Widerstand werden die möglichen Störungen der Bordelektronik durch den Zündfunken nochmals erheblich reduziert.

Die Nockentrommel aus Stahl ist einsatzgehärtet
Besondere Anforderungen mussten an die Software der Zündanlage gestellt werden. Sicheres Anspringen und runder Lauf in allen Drehzahlbereichen erfordern eine an den Motor angepasste Verstellung des Zündzeitpunktes. Hier wurde eine neu konzipierte Mikrocontroller-Schaltung entwickelt, die alle Möglichkeiten neuester Technik ausnutzt. In vielen Versuchsreihen wurde das Zusammenspiel von Motor, Vergaser und Zündung optimiert. Besonders auf den sicheren Lauf bei geringen Drehzahlen wurde großer Wert gelegt. Die Zuverlässigkeit dieser Zündungen zeigte Seidel Triebwerke übrigens durch ein Exemplar auf ihrem Messestand in Sinsheim. Sie war in einem Testaufbau installiert und zündete die ganzen Messetage über von früh morgens bis spät abends.

Bei der Fertigung wird Gewicht gespart, wo es vertretbar ist. Der Kolbenring ist noch nicht montiert
Fakten
Doch kommen wir nun zu den Daten, die etwas über Lauf und Leistung des ST 7-250 B aussagen. Denn die wenigsten werden sich einen solchen Motor nur in eine Vitrine stellen wollen. Obwohl er dort, mit dezenter Beleuchtung, selbst im besten Wohnzimmer ein respektables Bild abgeben würde.

Mit diesen Elementen – Zündung, Sensor, Akku – läuft der Motor wie ein Uhrwerk
Erprobt und nun auch geflogen wurde der Motor mit Luftschrauben von Menz. Mit einer 32 x 18-Zoll-Latte lässt sich das Triebwerk mit etwa 4.600 Umdrehungen pro Minute bewegen. Mit einer 34 x 12 sind es dann etwa 5.400 Umdrehungen pro Minute. Die kleinste Luftschraube, die Seidel empfiehlt, misst 32 x 12 Zoll. Es geht natürlich auch noch kleiner, aber man muss ja nicht alles auf die Spitze treiben. Irgendwann geht natürlich auch der Genuss, einen Langhuber zu hören, im reinen Lärm unter. Die Leistung des Motors liegt bei gut 11 Kilowatt (15 PS), die bei 5.400 Umdrehungen pro Minute erreicht werden. Bei diesem Volllastfall benötigt das Triebwerk ungefähr 3 Liter Sprit pro Stunde. Seidel empfiehlt als Treibstoff Stihl Motomix 1:50 oder Aspen 1:50. Am Zylinderkopf wurden bei Volllast maximal 120 Grad Celsius gemessen, eine sehr gesunde Temperatur für ein so leistungswilliges Kraftpaket.

Mit einer Prüfkerze mit verlängerter Funkenstrecke werden die Zündungen geprüft. Gut zu sehen sind hier die laufend überschlagenden Funken
Wissenswertes
Übrigens, wer endlich einmal sehen möchte, wie sich ein Sternmotor im Inneren bewegt, dem sei die Internetseite von Wikipedia zum Stichwort „Sternmotor“ wärmstens empfohlen. Eine bewegte Animation lässt alle Zweifel weichen, dass sich die vielen Pleuel doch irgendwie gegenseitig im Weg sein müssten. Die direkte Adresse lautet: http://de.wikipedia.org/wiki/sternmotor.

Auf Basis dieser Serie von Zündungen der Firma Becker für Ein-, Zwei- und Vierzylinder-Motoren ist die neue StarSpark für den Sternmotor entwickelt worden
Nun könnte sich noch die Frage stellen, wo man ein solches Triebwerk einbaut. Daher zum Abschluss noch eine kleine und daher unvollständige Liste von Oldtimern, die sich zum Einbau eines Sternmotors eignen: Aero A-102, Avro 500, Beechcraft Staggerwing, Boeing PT 13 und PT 17, Bücker 133, Cessna C195, Focke-Wulf FW-44, Fokker Dr. I, Gee Bee Sportster Y, LET Z-37 Cmelak, Meindel/van Nes A-VII, North American AT-6 Texan, Pfalz E-I sowie
Yak 50.

Hier ist die Zündung in ihrem Kunststoffgehäuse eingebaut. Nur Zündkabel, Sensorkabel und Akkuanschluss führen nach außen
BEZUG
Seidel Triebwerke
Siemensstraße 7
76316 Malsch
Telefon: 072 46/22 10
Fax: 072 46/60 10
E-Mail:
sternmotoren@seidel-triebwerke.de
Internet:
www.seidel-triebwerke.de
Preis: Classic-Edition 3.490,– Euro, SMC-Edition 3.985,– Euro
Bezug: direkt
Technische Daten
Treibstoff: Benzin (Ölanteil 1:50 bis 1:30)
Zylinder: 7
Hubraum: 250 ccm
Leistung: 11 kW (15 PS)
Einbaudurchmesser: 315 mm
Einbautiefe: 190 mm
Gewicht: 6.000 g
Text und Fotos: Werner Ackermann
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