
Während eines F-Schlepp-Meetings auf dem heimischen Modellflugplatz hatte der Autor den MVVS 50 IRS auf dem Teststand aufgebaut, um in den Schlepppausen einige Drehzahlmessungen durchzuführen. Natürlich war der Motor für viele Anwesenden ein Magnet. Mit den Worten: „Ach, das ist der 58er von MVVS“ war das Interesse auch schon geweckt. Zwar sieht der 50er MVVS dem 58er sehr ähnlich, entstanden ist der 50er aber aus dem MVVS 45 durch Aufbohren des Zylinders von 38 auf 40 Millimeter. Bei gleichbleibendem Hub ergibt sich somit ein Hubraum von 47,75 Kubikzentimeter, im Gegensatz zu 43,10 Kubikzentimeter des MVVS 45. Die Buchstabenfolge IRS hinter der Bezeichnung MVVS 50 besagt, dass wir einen Motor mit separater Zündung (I= Ignition), mit Einlass hinten (R= Rear) und Seitenauslass (S= Side) vor uns haben. Angegeben ist das Triebwerk mit einer Leistung von 5,2 PS bei 6.200 Umdrehungen pro Minute bei einem maximalen Drehmoment von immerhin 5,7 Newtonmeter bei 6.100 Umdrehungen pro Minute.
Lost-Wax-Process
Das leicht gestaltete einteilige Kurbelgehäuse ist stark verrippt und bietet somit eine große Oberfläche zur optimalen Wärmeabfuhr bei hoher Stabilität. Im Inneren dreht sich die dreifach gelagerte Stahlkurbelwelle. Der vordere Dichtring schützt den Motor vor unliebsamen Verschmutzungen im Innenraum. Damit dem ersten Lager, das zwischen Dichtring und zweitem Lager sitzt, nicht die Schmierung ausgeht, befindet sich im vorderen Abschnitt eine mit einer Inbusschraube verschlossene kleine Öleinlassöffnung. Durch diese muss in regelmäßigen Abständen etwas Schmieröl nachgefüllt werden.
Nicht alltäglich ist die Konstruktion der Kurbelscheibe. Ein leichtes, wärmebeständiges Formteil befindet sich in dem Raum, der nicht durch die Kurbelwange ausgefüllt wird, und verringert dadurch den schädlichen Totraum erheblich. Durch diese Maßnahme wird eine bessere Versorgung mit Frischgas erzielt. Für die Umsetzung von Hub- in Drehbewegung sorgt das aus einem Stück gefräste Pleuel, das zur Gewichtsreduzierung mit seitlich eingefrästen Taschen versehen ist. Ausreichend dimensionierte Nadellager in den beiden Pleuelaugen stellen einen spielfreien, leichten Lauf sicher. Das Logo auf dem glänzenden Teil ist zwar normalerweise nicht zu sehen, gibt aber nach einer Demontage den nötigen Hinweis beim Zusammensetzen des Motors. Über den kräftigen Kolbenbolzen erfolgt die Verbindung zu dem molybdänbeschichteten und mit einem Rechteck-Kolbenring versehenen Leichtmetallkolben.
Der als Sackzylinder gefertigte Zylinder ist mit vier Überströmkanälen ausgestattet und nikasilbeschichtet. Diese galvanisch aufgebrachte Nickelmatrix mit eingelagerten Siliziumkarbiden sorgt für eine hohe Gleitfähigkeit und dadurch geringe Reibung. Alles zusammen ergibt also weniger Verschleiß und somit eine hohe Standfestigkeit. Großflächige Kühlrippen fördern zusätzlich das gesunde Betriebsklima. Die rechts angebrachte Auspufföffnung ist zur Befestigung des Krümmers mit zwei Stiftschrauben ausgestattet. Der gesamte Zylinder wird über vier Stehbolzen, aus dem Gehäuse kommend, verschraubt. Den hinteren Abschluss bildet wiederum ein Gussteil, welches gleich mehrere Funktionen beinhaltet. Der gedrehte Abschlussdeckel wird mit vier Schrauben am Gehäuse befestigt und dichtet mit zwei O-Ringen zuverlässig ab. Gleichzeitig dient dieses Bauteil der Befestigung des Motors und nimmt die Flatterventilhalterung auf. An diesem kleinen Zwischengehäuse erfolgt die Befestigung des Walbro-Vergasers. Die gesamte Baugruppe ist gut durchdacht und lässt sich zwecks Inspektion leicht zerlegen.
Lichtblitze
Die Dreiseiten-Ansicht des MVVS-Motors Auffallend an der Zündbox ist eindeutig der Servoanschluss zur Ansteuerung der Chokeklappe. Mit Hilfe eines abgespeicherten Programms steuert die Zündbox das Chokeservo in der Weise, dass die Chokeklappe beim Drehen der Kurbelwelle (Anlassvorgang) nach jeder dritten Umdrehung geschlossen wird und nach weiteren drei Umdrehungen wieder öffnet und das solange, bis genügend Kraftstoff im Motor vorhanden ist und der Motor anspringt. Läuft der Motor, öffnet sich die Chokeklappe, beziehungsweise bleibt in geöffneter Stellung. Hierdurch ist ein Überfluten des Motors nahezu ausgeschlossen. Bevor es jedoch so weit ist, müssen der Zündbox noch die Endstellungen des Chokeklappenservos übermittelt werden. Dies geschieht mit dem beiliegenden Programmierkabel, das eine Verbindung zwischen der Zündbox und dem Empfänger (Gaskanal) herstellt. Mit dem Drosselknüppel fahren wir nun die Chokeklappe einmal in die geschlossene und danach in die geöffnete Stellung. Eine kleine Speicherprozedur legt jetzt die ermittelten Servopositionen in der Zündbox ab und solange an der Rudermaschine oder dem Servoarm nichts verändert wird, können diese Werte unverändert bleiben.
Weiterhin kann über die Programmierverbindung zwischen zwei Zündkurven gewählt werden, um eine optimale Anpassung an den verwendeten Schalldämpfer zu erreichen. Hier spricht man von einem „kurzen“ und einem „langen“ Auspuff. Greift man nicht auf bewährte und erprobte Schalldämpfersysteme zurück, kommt man um einige Versuche nicht herum. Da sich jedoch die Programmierung recht einfach gestaltet, sollte der Vorteil des Systems in jedem Fall genutzt werden. Sind die Einstellungen abgeschlossen, wird das Programmierkabel entfernt, sodass der frei gewordene Empfängerausgang wieder für das Drosselservo genutzt werden kann.
Übersetzungsprobleme
Ebenfalls gut gemacht ist die Verhinderung des Rückwärtslaufes, der bei solchen Motoren zu Schäden führen kann. Für diese Funktion muss das System natürlich über die Drehrichtung informiert sein. Wie dies funktioniert, lässt sich am einfachsten mit einem separaten kleinen Rundmagneten ergründen. Führt man dieses Teil über die beiden, in einem Winkel von 120 Grad auf dem Propellermitnehmer eingesetzten Magneten, ist eine unterschiedliche Polung feststellbar. Dieser Unterschied wird von dem Hallsensor an die Steuerelektronik übermittelt, die daraus an Hand der Reihenfolge der Informationen die Drehrichtung ableiten kann – voila. Durch die Möglichkeit, die Drehzahl mit Hilfe der Magnete aufnehmen zu können, ist natürlich eine Zündzeitpunktverstellung obligatorisch. Die optimale Zündkurve wurde vom Werk auf einem Motorprüfstand ermittelt und im Zündungsprozessor abgespeichert.
Zu guter Letzt werfen wir nochmals einen Blick auf die angeschlossene rote LED. Neben dem Batterietest gibt uns das helle Licht noch weitere nützliche Informationen. So zeigt ein sekündliches Blinken an, dass der Pilot es versäumt hat, innerhalb der letzten 90 Sekunden den Propeller zu drehen. Jetzt wird kein Zündfunke mehr erzeugt, was einen zusätzlichen Sicherheitsgewinn darstellt, sollte man einmal vergessen haben, die Zündung auszuschalten. Erst nach einem erneuten Aus- und Einschaltvorgang ist die Box wieder scharf.
Auf dem Teststand
Der Tank ist mit dem Einlaufsprit gefüllt und die Akkus sind geladen. Für das erste Anlaufen wird der Kraftstoff mit herkömmlichen Mitteln zum Vergaser gefördert, das heißt: Empfänger und Zündung aus, Drossel auf, Chokeklappe zu und Finger auf den Vergasereinlass. Ist der Vergaser gefüllt, kann es losgehen. Sender und Empfänger ein, danach Zündung ein. Mit hektischem Blinken zeigt die LED an, dass der Batterietest läuft. Der LiPo ist in Ordnung, also erlischt die Leuchtdiode kurz darauf, um anzuzeigen, dass der Motor zum Anlassen bereit ist. Um zu sehen, wie sich das Chokeservo verhält, wird der Propeller wie gewohnt angedreht. Gemäß der Beschreibung fährt die Klappe nach der dritten Umdrehung in die geschlossene Position, um nach weiteren drei Umdrehungen wieder zu öffnen. Die Bewegungen erfolgen, je nach Qualität des Servos, sehr zügig. Dieses Spiel geht eine ganze Weile so weiter, ohne dass der Motor auch nur einen Mucks von sich gibt. Nach dem Motto: ein neuer Motor braucht immer etwas mehr Sprit, wird nochmals manuell angesaugt und danach wieder die elektronische Choke-Steuerung bemüht. Nun sieht die Sache schon anders aus. Die ersten Zündungen erfolgen, die Chokeklappe fährt auf und der Motor läuft. Mit etwas erhöhtem Standgas lassen wir das Triebwerk auf Betriebstemperatur kommen. Die vom Werk vorgenommene Vergasereinstellung kann vorerst so bleiben, denn der Motor läuft zwar noch recht fett, aber bereits zuverlässig rund. Mit reichlich Gaswechsel und zunehmender Drehzahl, bei gleichzeitiger Anpassung des Vergasers, werden die ersten fünf Tankfüllungen verbrannt. Schon in dieser Phase wird deutlich, was dieser Motor zu leisten im Stande ist.
Begeisternd ist nach jedem Auftanken das Anlassen. Zündung an, Handschuh an, ein kräftiger Dreh und der MVVS läuft wieder. Egal, ob der Motor heiß, warm oder abgekühlt ist, das Anlassverhalten ist beeindruckend. Die Chokeklappen-Steuerung arbeitet in dieser Phase mehr unauffällig, will heißen, die Klappe bleibt bis auf wenige Ausnahmen in geöffneter Stellung. Läuft der Motor, zeigt sich bei extrem niedriger Drehzahl ein weiteres Phänomen. Bei etwa 1.200 U/min beginnt die Chokeklappe sich hektisch zu bewegen, um durch Verkleinern der Vergaseröffnung ein Abmagern zu verhindern. Richtig funktioniert das Ganze natürlich erst, wenn die Vergasereinstellung abgeschlossen ist, also auch der Leerlauf korrekt eingestellt worden ist.
Der MVVS 50 IRS ist ein Triebwerk modernster Bauart, der den Vergleich mit einem herkömmlichen 60-Kubikzentimeter-Motor nicht zu scheuen braucht. Gutes Anspringverhalten, spontane, lineare Gasannahme und hohe Leistung zeichnen das Triebwerk aus. In Verbindung mit der programmierbaren Zündung ICU kann das gesamte Potential des Motors erst richtig ausgeschöpft werden. Zwar dürfte der große MVVS-Dämpfer nicht ganz einfach in jedem Modell unterzubringen zu sein, dafür sorgt er aber bei moderaten Drehzahlen für hohe Leistung bei angenehmen Sound.
|
Text und Fotos: Karl-Robert Zahn |
|
Das komplette Inhaltsverzeichnis Zur Heftbestellung bitte hier entlang. © Wellhausen & Marquardt Medien 2009 |